«Sprechende Münzen»

Die Zürcher und ihr Geld

 zurück

Einführung

Die 20 Audio-Stationen erzählen die Geschichte der Begegnung Zürichs mit Geld - von der Bekanntschaft der Kelten mit diesem neuen Medium bis zur heutigen Situation. Kreativität zeichnet die Zürcher im Umgang mit Geld aus. Aber immer zeigt sich deutlich, dass diese Kreativität nur im Zusammenhang mit Entwicklungen ausserhalb Zürich ihre monetären Früchte trug. Zürich liegt zwar als Verkehrsknotenpunkt gut und die zentrale Lage hilft, aber nur das betriebsame Packen der Gelegenheit führte in der Vergangenheit zum Erfolg. Festhalten am Hergebrachten führte zum Gegenteil. Dies lässt sich anhand der Geschichte der Stadt Zürich schön darstellen. 

Mit einem Click auf das Bild hören Sie sich das Hörspiel an. Ca. 2-3 Minuten. Das pdf Dokument können Sie unten downloaden. 

Station 1: Ein erster Kontakt der Kelten mit griechischem Geld

Zum ersten Mal kamen die Ahnen der heutigen Zürcher in keltischer Zeit mit der griechischen «Erfindung» Geld in Kontakt. Wann genau dies geschah, wissen wir nicht. Ausserdem ist der Zeitpunkt, zu dem keltische Stämme erstmals eigene Münzen prägten, derzeit sehr umstritten. Datierungen schwanken von der Mitte des 3. bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts. Sicher ist, dass Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. die Geldwirtschaft im Raum des heutigen Zürich die Naturalwirtschaft ergänzte. Dafür sprechen zahlreiche Funde von Potinmünzen. Dieses Kleingeld aus unedlem Metall diente nicht dazu, Schätze anzuhäufen oder hohe Zahlungen zu begleichen. Man brauchte es, um die kleinen Beträge des Alltags zu zahlen, sodass die Geldwirtschaft zu dieser Zeit bereits relativ weit in Zürich verbreitet gewesen sein muss.

Station 1

Station 2: Die Zollstation von Turicum

Mit der Eroberung des nördlichen Alpenvorlands im Jahre 15 v. Chr. durch Drusus und Tiberius verbreitete sich das römische Geldsystem auch im Raum des heutigen Zürich. Eine ausgeklügelte Geldwirtschaft ersetzte den Tauschhandel vor allem in den städtischen Siedlungen. 

Während des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. beherrschte der Denar den Wirtschaftsverkehr im gesamten Römischen Reich. Fast 200 Jahre lang blieb er stabil, das heisst es konnten 25 Denare gegen einen Aureus, eine Goldmünze, getauscht werden. Erst als die Verteidigung der römischen Grenze die Zentralregierung mehr kostete, als durch Steuern und Abgaben eingenommen werden konnte, geriet das Währungssystem aus den Fugen. Das Geld wurde «schlechter», indem der Silbergehalt des Denars und seiner Nachfolgemünze, des Antoninians, bis auf ein Minimum herabgesetzt wurde. Da die Münze zu dieser Zeit nicht wie heute nur einen Nominalwert besass, sondern das Vertrauen der Benutzer von ihrem realen Metallwert abhing, kam es zu einer Inflation. Das römische Geld verlor gerade in den ländlichen Gebieten immer mehr an Bedeutung.

Station 2

Station 3: Auf dem Markt

Neben dem Fraumünster war aus der alten römischen Siedlung eine Stadt entstanden. Die Bedeutung der darin lebenden Kaufleute nahm im 13. Jahrhundert stark zu. Grund dafür war vor allem die Erschliessung der Schöllenenschlucht, durch die der Gotthardpass zur wichtigsten Handelsroute zwischen Italien und dem Rhein wurde. Wegen seiner Lage an diesem Weg gewann Zürich grosse Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz. 

Der durch den Handel errungene Reichtum gab den Bürgern ein neues Selbstbewusstsein gegenüber der Äbtissin. Sie begannen, bei Geschäften der Fraumünsterabtei mitzureden. Hatte zum Beispiel die Äbtissin 1238 ihr Münzrecht noch an private Unternehmer verpachtet, konsultierte sie 1272 berei den Rat der Stadt Zürich, um dessen Zustimmung zur Wahl der Pächter ihrer Münzstätte zu erhalten. Städtische Beamte bekamen das Recht, Schrot und Korn der Münzen zu prüfen, um einen gleich bleiben den Wert der Pfennige zu garantieren. Im Jahr 1364 schloss die Äbtissin ihren Pachtvertrag direkt mit dem Bürgermeister, dem Rat und den Zunftmeistern. Damit war das Münzrecht praktisch – wenn auch nicht formal- juristisch – in den Besitz der Stadt Zürich übergegangen.

Station 3

Station 4: Raubritter in Zürich?

Durch die Öffnung des Gotthardpasses war nicht nur der Handelsweg nach Italien leichter geworden, die drei Waldstätte (Uri, Schwyz und Unterwalden) hatten auch eine neue strategische Bedeutung erhalten, was den deutschen Kaiser, damals ein Habsburger, veranlasste zu versuchen, seine Macht in diesen Gebieten effektiver durchzusetzen. Was dann geschah, ist in den schweizerischen Legendenschatz eingegangen. Zürich jedenfalls schloss sich 1351 den Eidgenossen an. 

Damit gerieten all die Zürcher Adligen, die den Habsburgern als Lehnsmänner verpflichtet waren, in eine Notlage. Die Zürcher Bürger zwangen sie, sich zu entscheiden, ob sie auf den Schutz Habsburgs vertrauen wollten oder auf den der städtischen Gemeinschaft von Zürich. Die Folge davon war, dass die meisten unabhängigen Adelsherrschaften im Laufe der Zeit in Zürcher Gebiet aufgingen. 

Während die Stadt Zürich wuchs und ihre Macht ausdehnte, ging es mit der Fraumünsterabtei ständig bergab. Ihren Tiefpunkt erlebte sie unter Anastasia von Hohenklingen, Äbtissin von 1412 bis 1429. Deren ständiger Mangel an Bargeld zwang sie, viele wichtige Güter und Privilegien der Abtei zu verkaufen, darunter dürfte auch das Münzrecht gewesen sein. Denn spätestens seit 1418 prägte Zürich in seinem eigenen Namen, ohne einen neuen Pachtvertrag mit der Äbtissin geschlossen zu haben. Im Jahr 1425 bestätigte Sigismund, deutscher König von 1410 bis 1437, das Recht der Stadt Zürich auf eine eigene Münzprägung. Gleichzeitig legte er ausdrücklich fest, dass auch das Fraumünster dieses Privileg besass, wovon die Äbtissin allerdings bis zur Auflösung der Abtei im Jahr 1524 keinen Gebrauch mehr machte. 

 

Station 4

Station 5: Der Sold von Pavia

Im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts erlebte der internationale Handel einen enormen Zuwachs. Neue Formen des Geldtransfers, die in Italien seit dem 14. Jahrhundert üblich waren, verbreiteten sich auch in Zürich. Dazu gehörte nicht nur der Gebrauch des Wechsels1, sondern auch international akzeptierte Goldmünzen, wie sie Florenz, Genua und Venedig prägten. Da Zürich nur über das Recht verfügte, Silber zu prägen, war es für Goldmünzen auf auswärtige Prägungen angewiesen. So wurde die Florentiner Goldmünze, die man in Zürich Gulden nannte, zur beliebtesten Handelsmünze der Stadt. Sie war von so grosser Bedeutung, dass die Zürcher noch im 19. Jahrhundert, als längst keine echten Gulden mehr umliefen, in Rechnungsgulden zu 40 Schilling rechneten. 

Der enorme Zuwachs an Waren und Handelsverbindungen schuf das Klima, um auch in Zürich darüber nachzudenken, schwerere Münzen für grössere Beträge zu prägen. Erste Versuche gab es mit dem Plappart, von dem 26 auf einen Goldgulden gehen sollten. Er wurde um 1417 erstmals ausgeprägt. 

Doch der wirtschaftliche Niedergang in Folge von Pest und Krieg brachte diese Entwicklung zum Stehen. Erst ein knappes Jahrhundert später, um 1500, begann man in Zürich das bereits ausgefeilte und fein gegliederte Münzsystem von Bern nachzuahmen. Dort gab es Goldgulden, Guldiner – Silbermünzen im Wert eines Goldguldens –, Dicken und Batzen. Zunächst beschränkte sich Zürich auf die Silbermünzen; das königliche Recht, Goldmünzen zu prägen, erhielt es erst im Jahr 1521 von Karl V., deutscher König 1519 bis 1556. Damit besass Zürich das Recht, jederzeit die Münzen zu prägen, die es für seinen Markt brauchte und von denen es sich ein Geschäft versprach. 

Station 5

Station 6: Was kostet das Seelenheil?

Im Jahr 1336 erliess Papst Benedikt XII. einen Lehrentscheid, in dem er von katholischer Seite exakt fixierte, welchen Seelen der Himmel offen stand. «Im Himmel, im Himmelreich und im Himmlischen Paradies mit Christus, in Gemeinschaft mit den Heiligen» sollten neben den heiligen Aposteln, Märtyrern, Bekennern und Jungfrauen diejenigen sein, «die nach Empfang der heiligen Taufe Jesu Christi gestorben sind und (...) die nach dem Tode gereinigt worden sind, wenn etwas in ihnen damals zu reinigen war».Mit diesen Worten wurde der damals schon weit verbreitete Glaube an das Fegefeuer von höchst offizieller Seite sanktioniert.

Station 6

Station 7: Der «Raub» des Kirchensilbers

1523 beschloss der Rat der Stadt Zürich, Huldrych Zwingli die Predigt gemäss der Schrift zu erlauben. Damit schuf Zürich sich eine eigene Kirche unter Aufsicht des Rates. Der erhob selbstverständlich auch Anspruch auf die Verwaltung der Kirchengüter, wozu natürlich die riesigen Mengen an Altargerät aus Edelmetall gehörten, welche der Rat einschmelzen und zu Münzen ausprägen liess. 

Station 7

Station 8: Eine Zürcher Technologie erobert die Welt

Durch die beschlagnahmten Kirchengüter hatte die Stadt Zürich ihre finanziellen Ressourcen vervielfacht. Die Überschüsse aus den säkularisiertenBesitzungen erlaubten Zürich zum Beispiel, die Kosten, die durch den Zweiten Kappelerkrieg (1531)entstanden waren, zu tragen, ohne dafür die Bürger durch Steuern zusätzlich zur Kasse zu bitten. Seit 1553 begannen die Stadtväter aus den Überschüssen einen geheimen Staatsschatz anzulegen, der im Grossmünster gelagert wurde und aus dem auch Darlehen an Nichtzürcher gewährt wurden. 

Damit einher geht die wohl bedeutendste Münzemission, welche es in Zürich gegeben hat. Zwei Münzmeister prägten zwischen 1555 und 1561 im Auftrag der Stadt mehr als 9 Millionen Münzen – eine unglaubliche Zahl für die damalige Zeit. Zum Vergleich: In sechs Jahren wurde hier mehr geprägt als in der gesamten ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Um diese gewaltige Anzahl von Münzen herzustellen, verschaffte man sich die damals modernste Technologie: eine Walzprägemaschine, die sich von Zürich aus über Hall in Tirol in die ganze Welt verbreitete.

Station 8

Station 9: Waser – ein verleumdeter Bürgermeister und seine Münzen

Die Zürcher hatten das grosse Glück, sich aus dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) heraushalten zu können. So hatten sie unter seinen Verwüstungen kaum zu leiden. Die Blüte, die der Wiederaufbau mit sich brachte, setzte deshalb in Zürich früher ein als in den benachbarten Ländern. Spätestens seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts nahm die Stadt aus Steuermitteln mehr Geld ein, als sie ausgab. Jedes Jahr flossen mehrere 10’000 Gulden in den Staatsschatz – damals eine gewaltige Summe. Zwischen 1672 und 1798 konnte Zürich etwas über 3 Millionen Gulden Gewinn herauswirtschaften, und das in einer Zeit, in der die meisten Territorialfürsten Europas am Rande des Staatsbankrotts lavierten – oder einen solchen auch anmelden mussten. 

Dies machte Zürich natürlich zu einer hofierten Stadt, von der sich manch ein Fürst die Sanierung seiner desolaten Finanzen erhoffte. Am bekanntesten geworden ist der Kredit in Höhe von 30’000 Gulden, der Maria Theresia gewährt wurde. Aber auch der Herzog von Württemberg, der Fürst von Schwarzenberg, ja sogar der deutsche Kaiser, sie alle wollten die Zürcher anzapfen – die meist sehr höflich ablehnten, wobei sie sich gerne der Ausrede bedienten, als Eidgenossen unparteiisch bleiben zu müssen. 

Station 9

Station 10: Eine Person lebendig mit Feuer abzutun: 7 Pfund 10 Schilling

Wenn auch die Besoldung hervorragend war und der Henker an einem einzigen Richttag das Vielfache dessen verdienen konnte, was ein normaler Handwerker nach Hause brachte,hätte übers Jahr gesehen das Einkommen nicht ausge- reicht, um seinen Haushalt zu finanzieren. So wurden dem Henker noch weitere Arbeiten übertragen. Zu seinem Aufgabenbereich als Wasenmei- ster bzw. Abdecker, wie wir heute sagen würden, gehörte die Entsorgung verendeter Tiere6 und die Reinigung der Kloaken.

Station 10

Station 11: Der Querulant

Johann Heinrich Waser (*1742, †1780) ist wohl die schillerndste Gestalt, welche die Aufklärung in Zürich hervorgebracht hat. Er verfügte durchaus über geniale Züge: In ihm verbanden sich ein überdurchschnittliches mathematisches Talent und ein immenser Fleiss mit Skrupellosigkeit und Verachtung jeglicher Obrigkeit. Dazu kam eine gehörige Portion Bosheit und Streitlust. All diese Charaktereigenschaften stellte Waser in den Dienst dessen, was wir heute als investigativen Journalismus bezeichnen würden. Er prüfte die Buchführung über Ein- und Ausgaben der verschiedenen Zürcher Ämter aus eigener Initiative und fand dabei einiges im Argen, vor allem hinsichtlich Übersichtlichkeit und Genauigkeit. Waser bemängelte dies mit einer Penetranz, die ihm überall Feinde einbrachte.

Station 11

Station 12: Ziegler – the soldier millionaire, who would not know him?

Die Lebensgeschichte Leonhard Zieglers1 (*1770, †1846) führt uns in eine Zeit, in der die Händler und Fabrikanten Zürichs begannen, über Europa hinauszublicken und in fernen Kolonien gute Geschäfte zu machen. Ziegler war ein Vorreiter, der nicht müde wurde, den Zürcher Vätern ans Herz zu legen, ihre Söhne Englisch lernen zu lassen, damit die in den von England kontrollierten Ländern ihr Glück machen konnten.Tatsächlich erkundeten viele Schweizer Firmen den neuen Markt in Übersee und machten gute Geschäfte auf fernen Kontinenten. 

Station 12

Station 13: Die ummauerte Stadt

«Und viel Geld haben sie sicher auch gekostet», so endet unser Hörspiel über den Abriss der Befesti- gungsanlagen von Zürich. Tatsächlich wissen wir exakt, was ihr Bau in den Jahren zwischen 1642 und 1677 kostete, nämlich 1’863’800 Pfund, 17 Schilling und 9 Heller, was uns heute natürlich wenig sagt. Rechnen wir also anders. Ein einfacher Erdarbeiter, wie sie zu Hunderten am Bau mitwirkten, verdiente im Jahre 1642 16 Schilling am Tag. Dies war ein aussergewöhnlich guter Lohn,was damit zusammenhing, dass gegen Ende des Dreissigjährigen Krieges überall ein Mangel an Arbeitskräften herrschte.

Station 13

Station 14: Und führe uns nicht in Versuchung!

Als der Bankdirektor Karl Stadler und sein Prokurist Heinrich von Wyss am Morgen des 1. Oktober 1869 den Tresor der Eidgenössischen Bank öffneten, waren alle Bargeldreserven verschwunden.Entnommen hatte sie laut Aussage der Putzfrau der Kassier Emil Schärr. Er war mit etwa 41’000 Franken geflohen, weil er die Entdeckung seiner Unterschlagungen befürchtete. Die unglaubliche Vertrauensseligkeit und Inkompetenz seiner Vorgesetzten hatten es dem jungen Mann ermöglicht, aus dem Vermögen der Bank für seine Zwecke Summen in Millionenhöhe abzuzweigen.

Station 14

Station 15: Arm und Reich

Journalist: (zu sich selbst) Mein Gott, die vielen Kinder. Die tragen ja alle nur ein Hemd! Diese verkrümmten Beinchen, das ist doch Knochentuber- kulose. Und diese Häuser. Ein richtiges Elendsviertel. Das Leben hier muss die Hölle sein! Ich brauche unbedingt ein Interview! Den Bericht kann ich gut verkaufen. (Pause, dann zu einer Passantin gewandt) Entschuldigen Sie, ich schreibe für die «Herald Tribune», New York. Hätten Sie Zeit, mir ein paar Fragen zu beantworten?

Station 15

Station 16: Hörspiel

September 1887. Der amerikanische Journalist John Fix besucht den Geschäftsmann Keller in seiner Villa im noblen Wohnort Enge.

Arm und Reich hat es immer gegeben, doch selten wurden die Unterschiede zwischen Armen und Reichen so augenfällig wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Station 16

Station 17: Die Migros revolutioniert den Lebensmittelhandel

Am 25. August 1925 nahmen die ersten fünf zu mobilen Verkaufsstationen umgebauten Lastwagen der MigrosAG ihre Tätigkeit auf. Die fahrenden Läden waren kein genialer Werbegag, sondern eine Notlösung. Für feste Ladenlokale hatte das Startkapital der Gesellschaft von 100’000 Franken nicht gereicht.Das Migros-Konzept – radikale Kostenkontrolle zugunsten eines niedrigen Verkaufspreises – ging auf. Innerhalb weniger Jahre revolutionierte die Migros AG den Lebensmittelhandel.

Station 17

Station 18: Freies Geld für freie Bürger

Viele Intellektuelle kritisierten damals die Wirt- schaftspolitik der Schweiz. Der Einflussreichste von ihnen sollte ein Deutscher werden, Jean Silvio Gesell (*1862, †1930), Gründer der Freiwirtschaftsbewegung. Gesell war jahrelang als Vertreter von zahnmedizinischen Artikeln durch Argentinien gezogen.Dort hatte er die grossen Preisunterschiede erlebt, welche durch starke Konjunkturschwankungen hervorgerufen wurden. So suchte er nach einer festen Regel für den Zusammenhang von Konjunktur und Preis. Eines seiner Resultate war die Feststellung, dass auch Geld seinen Preis habe. Dieser Preis hinge wie bei jeder anderen Ware vom Bedarf ab: Gäbe es wenig Geld und viel Ware auf dem Markt, würde der Wert des Geldes steigen (Deflation), gäbe es viel Geld und wenig Ware, würde er fallen (Inflation). Im Umkehrschluss bedeutete das, dass eine Regierung die Konjunktur fördern konnte, wenn sie genau so viel Geld zur Verfügung stellte, wie für den Kauf aller produzierten Waren nötig war. Im Gegensatz zum traditionellen Geld, bei dem der Wert im Material oder in einer Goldparitätbestand, bezeichnete Gesell sein sich nach dem Bedarf richtendes Geld als Freigeld. 

Gesell hatte sich nach seiner erfolgreichen Wirtschaftskarriere in der Schweiz zur Ruhe gesetzt und beeinflusste mit seinen Ideen viele begeisterungsfähige Männer. Einer von ihnen war der Protagonist unseres Hörspiels, der Berner Lehrer Werner Zimmermann (*1893, †19828).Zimmermann war ein typischer Vertreter seiner Zeit: denk- und experimentierfreudig, ein unabhängiger Geist, der mit allen Konventionen brach. Zwischen 1909 und 1913 besuchte er das Berner Lehrerseminar. Dort kam er in Kontakt mit den fortschrittlichen Ideen der damaligen Zeit. Dazu gehörte nicht nur die Freikörperkultur und der Vegetarismus, sondern auch die Theorie der Freiwirtschaft, die Zimmermann von Gesell persönlich nahe gebracht wurde.In den Jahren zwischen 1920 und 1934 reiste Zimmermann durch die ganze Welt. Er beobachtete und analysierte Erfolg und Scheitern der freiwirtschaftlichen Experimente, die es in den 30er-Jahren an vielen Orten Europas gab. 

Station 18

Station 19: Die Silberkrise von 1968

Im Sommer des Jahres 1925 kehrte die Schweiz zum Goldstandard zurück.Das bedeutete, dass jede Schweizer Banknote, welche auf dem Markt kursierte, jederzeit bei der Nationalbank in Gold- münzen umgetauscht werden konnte. Die Festlegung auf den Goldstandard brachte es allerdings mit sich, dass die Geldmenge nicht beliebig vergrössert werden konnte. Sie hing direkt ab von den staatlichen Goldvorräten. Damit beraubte sich die eidgenössische Regierung der Möglichkeit, mit einer verstärkten Ausgabe von Banknoten zu reagieren, wenn aus irgendeinem Grunde ein Teil der Bevölkerung plötzlich beschliessen sollte, das eigene Geld nicht mehr auszugeben, sondern zu horten.

Station 19

Station 20: Überschuldet!

Was heute geschieht, ist morgen Geschichte. Wir selbst sind zu sehr Kinder unserer Zeit, um deren historische Bedeutung abschätzen zu können. So werden erst unsere Nachkommen die Geschichte unserer Zeit zu deuten wissen. 

Was aber werden sie über unsere Epoche sagen? Dass sie unwichtig war verglichen zur langen Entwicklung der Menschheit? Dass in ihr wichtige Entscheidungen getroffen wurden für die Weiterentwicklung des Geldes? Werden sie unsere Zeit begreifen als die Zeit, in der das virtuelle Geld das Bargeld verdrängte? Werden sie sie etwa sehen als die Vorbereitung eines grossen Crash, der jede traditionelle Form von Geld hinwegfegte? Oder werden sie uns gar als diejenigen feiern, welche die entscheidenden Weichen gestellt haben für neue, alternative Formen des Geldes? 

Welche Rolle unsere Zeit in der Geschichte spielen wird, muss erst die Zukunft erweisen. Eines jedenfalls steht fest: Eine Zukunft ganz ohne Geld ist heute nicht vorstellbar.

Station 20